Greifswalder Grünen-Blog übt sich in Geschichtsklitterung

Mit Bestürzen musste die Greifswalder Ortsgruppe von Die Linke.SDS/ linksjugend [`solid] feststellen, dass auf dem Blog seit Tagen nicht nur die Freie Deutsche Jugend und die Hitler-Jugend gleichgesetzt werden, sondern auch nach einer bereits aufgekommenen Diskussion aufrecht erhalten wird.

Der Verfasser des Artikels „Jahn-Gymnasium – nach 450 Jahren nichts dazu gelernt“, scheint nach der angestoßenen Debatte auch nichts dazu gelernt zu haben, beziehungsweise bislang noch keinen ernsthaften Vergleich zwischen der Hitler-Jugend und der FDJ in Betracht gezogen zu haben. Andernfalls wäre er nicht der naiven Frage: „Worin soll der Unterschied zwischen der HJ und der FDJ zu sehen sein?“ Ferner fährt der Autor fort:

„Beide Organisationen waren Jugendorganisationen der jeweilig staatstragenden Partei, die mit dem staatlichen System eng verwoben, wenn nicht identisch war. Beide Organisationen dienten der Bildung der Jugend im Sinne der Parteidoktrin,  mit beiden Organisationen gingen die Parteimächtigen auf die Jagd, die Jugend für sich und ihre fragwürdigen Ziele zu gewinnen. Beide Organisationen dienten auch der Ausgrenzung der Andersdenkenden, wer würde dies bezweifeln wollen?“

Zwar ist an der Aussage nichts sachlich falsch, allerdings reicht diese Parrallelität nicht aus, um eine Gleichsetzung zu rechtfertigen. Vollkommen ausgeklammert hat der Autor bei diesem Vergleich die grundlegendsten Unterschiede zwischen beiden Jugendorganisationen, sowohl hinsichtlich der Organisationsstruktur, als auch hinsichtlich der politischen Ausrichtung. Beides ist für einen seriösen Vergleich elementar. Ebenfalls vollkommen unberücksichtigt wurde die Entstehungsgrundlage beider Organisationen:

Hitler-Jugend

Die Hitler-Jugend wurde mit dem Ziel gegründet, eine möglichst große Anhängerschar nicht nur für die NSDAP, sondern auch für die Rassenideologie zu gewinnen. Die politischen Ziele der HJ waren reaktionär. Ziel der HJ war es, die Kinder auf den Krieg vorzubereiten und sie im Sinne des Gefolgschaftsprinzips zu erziehen. Die HJ sollte, so das Ziel der Reichsjugendführer, die einzige Erziehungsanstalt sein. Der Einfluss des Elternhauses sollte so weit wie möglich zurück gedrängt werden. Das geht eindeutig aus Reden der Reichsjugendführer Baldur von Schirach und Arthur Axmann hervor. In der HJ war die Geschlechtertrennung und Tradierung von Rollenklischees vorherrschend. Jungen kamen in die Hitler-Jugend, die Untergruppen der HJ waren überwiegend technisch ausgerichtet; und die Mädchen kamen in den Bund Deutscher Mädel. Sie wurden vorwiegend im Bereich der Hauswirtschaft weiter gebildet. Ferner wurde im Dritten Reich ein Gesetz erlassen, wonach alle Eltern verpflichtet wurden, ihre Kinder in die Hitler-Jugend zu geben. Kamen ihre Kinder nicht in die HJ, hatte der Staat das Recht, den Eltern ihre Kinder wegzunehmen. Die Gesamtstruktur der HJ war zudem konsequent militärisch untergliedert in: Jungenschaft, Jungenzug, Fähnlein, Jungstamm, Bann, Gebiet  (Deutsches Jungvolk)/ Kameradschaft, Schar, Gefolgschaft, Stamm, Bann, Gebiet (HJ).

Freie Deutsche Jugend

Ziel der FDJ war in den Anfangsjahren die Gewinnung der Deutschen Jugend für die Ideale des Humanismus, die aktive Teilnahme der Jugendlichen beim Wideraufbau Deutschlands sowie das Ermöglichen einer Berufsausbildung aller Jugendlichen, ohne Rücksicht auf ihre Herkunft, ihres Vermögens und ihrer Religion. In den Abenden der FDJ wurde die Zeit des Nationalsozialismus aufgearbeitet und der Antifaschismus zur Doktrin. Der Unterschied zwischen Faschismus und Antifaschismus sollte einem Politiker der Grünen-Partei bekannt sein. In dem Beitrag wird Antifaschismus und Faschismus jedoch durch die Gleichsetzung von FDJ und HJ gleichgesetzt.

Des Weiteren gab es die gesamte Zeit der DDR über hinweg kein Gesetz, wonach Kinder und Jugendliche dazu verpflichtet wurden, der FDJ beizutreten. Des Weiteren geht aus keinen Dokumenten oder Reden hervor, wonach die FDJ danach strebt, als einzige Erziehungsinstanz innerhalb der DDR zu gelten.

Hinsichtlich der Organisationsstruktur war die FDJ im Gegensatz zur HJ nicht militärisch aufgebaut, sondern wie eine Partei-Jugendorganisation. Die Hierarchieebenen waren hier:

- Gruppe (Schulklasse/ Seminargruppe/ Jugendbrigade)

- Grundorganisation (Schule/ Universität/ Betrieb)

- Kreisverwaltung

- Bezirksverwaltung

- Zentralrat der FDJ

In Partei- Jugendorganisationen der Bundesrepublik sieht die Struktur ähnlich aus:

- Ortsgruppe

- Kreisverband (wenn vorhanden)

- Landesverband (entspricht „Bezirksverwaltung“)

- Bundesverband

Der Aufbau der FDJ ist also dem der Parteijugendorganisationen der Bundesrepublik deutlich näher, als der faschistischen Hitler-Jugend.

Während bei der Hitler-Jugend die Ernennung von oben nach unten erfolgte, wurden leitende Organe innerhalb der FDJ gewählt. Maßgeblich war hierbei jedoch das autokratische Prinzip des „Demokratischen Zentralismus“, dass heißt, dass die wählbaren Kandidat_innen nicht von den Wähler_innen, sondern von der Leitung selbst bestimmt wurden. Die Wahl erfolgte zwar offen, dennoch dürfte der Unterschied zwischen Wahlmöglichkeit und dem nicht Einräumen einer Wahlmöglichkeit bekannt sein.  Diese Leitungsorgane unterstanden, zumindest auf dem Papier, der Kontrolle durch die Wähler.  Dass auch innerhalb der FDJ das zentralistische Element gegenüber dem demokratischen einen höheren Stellenwert hatte, braucht sicherlich nicht näher erläutert werden. An dem Unterschied des Aufbaus der FDJ und der HJ ändert diese Tatsache hingegen nichts.

Diese Punkte alleine sollten reichen, um zu verdeutlichen, dass eine Gleichsetzung von FDJ und HJ vollkommen unzulässig ist. Schon alleine deshalb, weil die ideologische Grundlage eine vollkommen andere war. Viele FDJ-ler_innen dürften sich darüber hinaus mehr als beleidigt fühlen, von einen Grünen-Politiker mit Hitler-Jungen gleichgesetzt zu werden. FDJ-ler_innen wurden humanistische Werte vermittelt, trotz der Tatsache, dass die FDJ ein Teil der Staatsorganisation der DDR war und sich somit auch nicht der Autokratie des Systems entziehen konnte. HJ-Kindern wurden antihumanistische und reaktionäre Werte vermittelt, sie wurden im Sinne der NS-Ideologie zielgerichtet zum töten erzogen. Auch das war bei der FDJ nicht der Fall.

Auch im Hinblick auf den Aufbau und die Organisationsstruktur unterscheiden sich FDJ und HJ deutlich, sodass eine derartige Gleichsetzung auf der Grundlage historischer Fakten sachlich falsch ist.

Tiefgruendige Recherche für Vergleich wuenschenswert

Dem Autor des Kommentars sei an dieser Stelle deshalb nahegelegt, künftig tiefgründiger zu recherchieren, wenn schon ein Vergleich zwischen FDJ und HJ oder Links- und Rechtsextremismus oder DDR und Nazi-Deutschland vorgenommen wird. Ein Vergleich beider Diktaturen und damit einhergehend ihrer Jugendorganisationen, ist auch unserer Auffassung nach legitim, allerdings sollte der Vergleich nicht auf Basis ideologischer Scheuklappen, sondern vorurteilsfrei und ergebnisoffen vorgenommen werden. Eine kritische Auseinandersetzung und Aufarbeitung der DDR ist ebenso wünschenswert und unterstützenswert. Allerdings sollte auch diese mit der entsprechenden Sorgfalt betrieben werden und nicht nur an der Oberfläche kratzen. Bei den Ausführungen des Kommentar-Autors „RAL“ hatten wir nicht den Eindruck, dass eine seriöse Untersuchung und ein seriöser wissenschaftlicher Vergleich zum Zwecke der journalistischen Publikation betrieben wurde.

Mit freundlichen Grüßen,

Claudia Sprengel, Sprecherin von Die Linke.SDS/ linksjugend [`solid]

Marian Wurm, stellvertretender Sprecher von Die Linke.SDS/ linksjugend [`solid]

Foto: Screenshot Die Linke.SDS/ linksjugend [`solid]

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